Willkommen in Bocksruh


Das Lagerleben

B ereits seit 1972 ist die jährliche Ausgrabung der Höhepunkt in jedem Vereinsjahr. Doch damit diese überhaupt stattfinden kann, müssen langfristige Vorbereitungen getroffen werden. Dabei ist nicht nur die Verpflegung eines der Themen, das durch den Vorstand geregelt werden muss, sondern auch organisatorische Entscheidungen müssen gefällt werden. Wie werden die Arbeitsmaterialien zum Grabungsort transportiert? Wer organisiert die sanitären Anlagen? Dies sind nur einige Fragen, mit denen sich der Vereinsvorstand jedes Jahr aufs Neue beschäftigt.

Auf der anderen Seite muss für die finanzielle Absicherung des Grabungslagers gesorgt werden. Dieser durchaus schwierigen und verantwortungsvollen Aufgabe widmet sich Schatzmeister und Vorstandsmitglied Heiko Meyer. Er beantragt bei verschiedenen Instituten wie der Sparkasse, dem Jugendamt oder dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Halle finanzielle Unterstützung zugunsten der Ausgrabung.

Doch damit ist es noch längst nicht getan. In den frühen Jahren hat der ehemalige Vorstandsvorsitzende Hartmut Bock für die jüngeren Archäologen eine Schulfreistellung beantragt, da die Ausgrabung zwei Wochen vor den Sommerferien in Sachsen-Anhalt begann. Allein diese Tatsache löste bei dem einen oder anderen Schüler eine gewisse Vorfreude auf die Ausgrabung aus. In der heutigen Zeit ging uns der direkte Kontakt in die Schulen leider weitestgehend verloren. Die jungen Anwärter sind dieser Tage in der Regel Nachwuchs aus den eigen Reihen. Der Termin für die Ausgrabung wurde daher in den August verlegt in der Hoffnung, dass zu dieser Zeit die meisten Familien ihre Urlaube bereits getätigt haben.

Der berufstätige Teil der Archäologen nimmt sich für den Zeitraum der Ausgrabung Urlaub. Ein solches Verhalten ist nicht selbstverständlich und sehr lobenswert, denn ohne die Erfahrung der älteren Archäologen, wäre die zeitlich sehr umfangreiche Arbeit an einem solchen Projekt nicht realisierbar.


A n dem Wochenende vor Grabungsbeginn treffen sich einige Mitglieder, um die wichtigsten Versorgungseinheiten zu errichten. Dazu zählen zum einem das Küchenzelt, in dem alle Speisen und Getränke gelagert und auch zubereitet werden, weiterhin das Gerätezelt, in dem die Arbeitsgeräte wie Schaufeln und Spaten aber auch diverse Kellen und Pinsel gelagert werden. Alle diese Zelte benötigen allerdings aufgrund ihrer Ausmaße einen gewissen Stauraum. Wurde in den alten Tagen auf Traktoren und LKW von lokalen Unternehmen zurückgegriffen, hat sich im Laufe der letzten Jahre der Einsatz von Kleinbussen (auch Bulli genannt) oder Fahrzeugen mit Ladefläche als bestes Transportmittel bewährt, die von den Mitgliedern zur Verfügung gestellt werden.

D er vermutlich wichtigste Bereich des Lagers ist die Küche. Nicht nur wird dort die Verpflegung gelagert und zubereitet, auch müssen sämtliche Utensilien gelagert, gewaschen und gepflegt werden. Bei schlechtem Wetter dient die Küche auch als gemeinschaftlicher Rückzugsort. Auch ist es eine Arena für Vergnügung aller Art. Vom klassischen Skat, über Geschichtskunde für die Kleinsten bis hin zur Arena für "Spoon" -  ein Spiel dem man sich bis zum Löffel bekämpft. Die Legende besagt, es haben schon Alt-Lehrer reglos unter dem Tisch gelegen.

Bei den ersten Grabungen, fand das Küchengeschehen noch unter freiem Himmel statt.


G lücklicherweise hat sich dieser Umstand aber geändert und seit vielen Jahrzehnten stehen uns Küchenzelte zur Verfügung. Diese Zelte haben vielen Geschichten gedient, bieten aber auch jeher einer gemütlichen Abendrunde Raum zum Wiedergeben der vielen Legenden, Erlebnisse und absurden Geschichten die sich in den letzten 50 Jahren Vereinsgeschichte angesammelt haben.

2021 hat unser geliebtes blaues Küchenzelt nachdem es uns für fast 40 Jahre Schutz vor Unwettern aber auch Wärme und Behagen geschenkt hat, seinen wohlverdienten Ruhestand als Gerätezelt angetreten. Dank einer Finanzierung durch den Deutschen Verband für Archäologie wurde es abgelöst von einem neumodernen Jungspund in modularer Bauweise und mit Holzboden. Dies wissen vor Allem die nun staubfreien Küchenarbeiter unter Leitung von Edgar Lahmann und Uwe Lasch zu schätzen.

Diese "Küchenbullen" sind das Herz und die Seele des Lagers. Sie stehen morgens als Erste auf (sind aber in der Regel nicht die ersten die zu Bett gehen) und bereiten die erste Runde Kaffee vor, um die anderen Älteren aus den Betten zu locken. Geweckt wird anschließend mit einer jährlich neu aufgelegten Kompilation aus Grabungshits, die - mitunter ohrenbetäubend - auch die letzten Muffel aus den Zelten bläst. Die Bullen kümmern sich um das Frühstück, den Abwasch, die Ordnung im Lager, den Einkauf und die Versorgung mit Kraftstoffen und anderen Gütern, die Wasserversorgung, die Abholung des Mittags das in der Regel aus Großküchen kommt und vieles vieles mehr. 

Zur Seite stehen ihnen in der Regel jüngere Grabungsteilnehmer die täglich wechselnd  "Küchendienst" leisten müssen. Da wir aber wie eine große Familie sind, packt natürlich jeder mit an, der eine Hand oder einen Fuß erübrigen kann.

Der Küchendienst im ersten Küchenzelt

Bei gutem Wetter werden Küchenarbeiten draußen getätigt

Das geliebte blaue Küchenzelt diente auch als Skat-Arena

Das neue Küchenzelt in modularer Bauweise und mit Holzboden

Speisen im Innenraum geht nun auch ohne Staub und mit trockenen Füßen

Der Küchendienst im ersten Küchenzelt

Bei gutem Wetter werden Küchenarbeiten draußen getätigt

Das geliebte blaue Küchenzelt diente auch als Skat-Arena

Das neue Küchenzelt in modularer Bauweise und mit Holzboden

Speisen im Innenraum geht nun auch ohne Staub und mit trockenen Füßen

N eben der täglichen Verpflegung gibt es auch andere wichtige Bedürfnisse. Sanitäranlagen sind ein integraler Bestandteil des Lagers.

Das Grabungslager gab es für viele Jahre ausschließlich für Jungs und Männer, da der logistische Aufwand für geschlechtergerecht getrennte Toiletten und Waschmöglichkeiten zu hoch gewesen wäre, bei gleichzeitig geringer Anzahl an weiblichen Teilnehmern.

Zu DDR Zeiten war die Toilette im Lager eher ein "Donnerbalken". Wenn auch meist sehr kunstfertig geschmückt war eine Große verschlossene Grube mit einem umgebauten Holzstuhl, die einzige Möglichkeit die dem Verein zur Verfügung stand. Ähnlich verhielt es sich mit den Waschmöglichkeiten. Erst in den letzten Jahren haben mehr elaborierte Duschgebilde Einzug ins Lager gehalten. Davor war es Tradition sich mit dem eiskalten Wasser aus dem Versorgungstank und Schüsseln nackt und unter freiem Himmel zu waschen. Was theoretisch romantisch klingt kann dann morgens um sieben auf einem nebelbehangenem Acker doch schon sehr kalt werden. Ist es unter gleichgeschlechtlichen Gruppen verschmerzter voreinander nackt auf zu treten wäre das fur Mädchen und Jungs jedoch eine planerische Herausforderung gewesen.

Unvergessen bleiben jedoch Wasserschlachten, oder zum Pool umfunktionierte Tröge unter freiem Himmel. Den Vereinsmitgliedern gelingt es ohnehin ein jedes mal aus einer vermeintlichen Misere ein Abenteuer, eine Legende oder schlichtweg den schönsten Blödsinn zu formen.


E s entbehrt nicht einer gewissen Romantik seine Notdurft im grünen und unter freiem Himmel verrichten zu können. Das gilt aber nur solange das Wetter es zulässt und Fliegen einem nicht zur Weißglut treiben. An Hygiene war gar nicht zu denken.

Moderne und Hygieneregeln sei Dank - wir preisen Fred Edwards den Erfinder der Dixi Toilette! Heute stehen uns gleich mehrere Häuschen zur Verfügung. Und wem dabei die Romantik abhanden kommt, der kann letztendlich immer noch die Tür auflassen.

A uch das Duschen hat sich seit den alten Tagen stark verändert. Unter den Kollegen seit Jahren geschätzt ist Nils Jobs - Meister der Wellness Oase im Lager. Nils und sein Team aus professionellen Holszsammlern bereitet stets vor Ende der Arbeitsschicht ein Feuer vor, um darauf in einem Kessel heißes Wasser vorzuhalten. Dieses wird dann in einem Tappen mit kaltem Wasser aus dem Tank auf Duschtemperatur gemischt. Dank Generatoren und einer Gartenwasserpumpe hat sich im letzten Jahrzehnt die Duschkultur im Lager stark verändert. Denn mithilfe dieser, einiger Planen und Gartenduscharmaturen ist es uns heute möglich, einen vernünftigen Duschraum auf die Beine zu stellen.

Seit dem Jahr 2021 haben wir das Ganze nochmals auf ein ganz neues Level gehoben. Schatz- und Schlossermeister Heiko Meyer hat zusammen mit seinen Auszubildenden und abermals finanziert durch eine Gabe des Deutschen Verband für Archäologie eine komplett geschlossene Duschkabine mit Gitterböden hergestellt. Diese kann modular auf- und abgebaut und dadurch auch leicht transportiert und gelagert werden. 

Die Älteren Semester unter uns mögen nun murren so etwas hätte es früher nicht gegeben und nicht gebraucht. Hierbei sei jedoch erwähnt, dass diese in der Regel nicht über Nacht bleiben.

Man muss nur das Beste daraus machen

Wie gesagt - Man muss nur das Beste daraus machen

Auf die Gefahr hin das ich mich wiederhole - Man muss nur das Beste daraus machen

Es war kälter als es aussieht

Gerne hilft man sich auch gegenseitig beim duschen

Nach dem Aufstehen ging es direkt zur morgendlichen Wäsche

Heutzutage haben wir es da komfortabler

Man muss nur das Beste daraus machen

Wie gesagt - Man muss nur das Beste daraus machen

Auf die Gefahr hin das ich mich wiederhole - Man muss nur das Beste daraus machen

Es war kälter als es aussieht

Gerne hilft man sich auch gegenseitig beim duschen

Nach dem Aufstehen ging es direkt zur morgendlichen Wäsche

Heutzutage haben wir es da komfortabler

N eben der eigentlichen Grabungsarbeit die während des Tages im Vordergrund steht, braucht es auch Annehmlichkeiten, denn das Ganze soll am Ende ja vor Allem Spaß machen.

Die Küchenbullen Sorgen mit Zweitfrühstück und Nachmittagskaffee für das leibliche Wohl aber auch Unterhaltung kommt nicht zu kurz, da die Tage gespickt sind mit Ausgelassenheit und Blödsinn, spontanen Aktionen die schnell zu Traditionen verkommen und allerlei Spielerei. Hier sei exemplarisch das Winken und Grüßen aller Züge die an unserer Grabung in Rockenthin vorbei fahren zu erwähnen. "Zug kommt!"

Aber auch das erweiterte Arbeitsumfeld birgt Abwechslung. So müssen zwischendurch Dinge repariert, Geräte gewartet, Gelände erkundet, Ackerflächen nach Streufunden abgesucht, Drohnenflüge durchgeführt, Daten und Funde verwaltet oder einfach auch mal Tunnel in einen Abraumhaufen gebuddelt werden. Langweilig wird es im Grabungslager nicht. Auch bringt das konstante An- und Abreisen von Vereinsmitgliedern stets frischen Wind und neue Wiedersehensfreude mit sich.

Das gesellige Miteinander entfaltet sich aber vor Allem nach getaner Arbeit. Wenn alle geduscht sind, gibt es gemeinsam Abendbrot. Hier gibt es auch Variationen wenn Mitglieder sich bereit erklären zum Beispiel für das Lager zu grillen oder Suppe über offenem Feuer zu kochen. Für Abwechslung sorgen auch oft Mitbringsel und Geschenke von Besuchern, wie zum Beispiel die jährliche Bierverkostung mit Vereinsmitglied Christian Schulz, der aus seiner eignen Brauerei "Schulzens" neue Kreationen präsentiert.

Vereinsmitglied Holger Schwerin kommt gern mit ausgefallenen Nachbauten um die Ecke. So wurde schon Brot in einem selbstgebautem Lehmofen gebacken, Melonen auf einem nachgebautem Katapult in den Sumpf befördert, Schwertkampf vorgeführt oder mit der Steinschleuder in die Prärie geschossen. Auch Bogenschiessen und tanzen mit brennen Pois standen schon auf dem Programm.

Wenn es das Wetter und die Brandschutzverordnung zu lässt, geht es nach dem Essen ans Lagerfeuer. Hier wird gesellig bis in die Morgenstunden getratscht, gesungen und gelacht.

Bei den Jüngeren sind sportliche Aktivitäten beliebter als schnöde am Lagerfeuer zu sitzen. Klassiker sind Archäologenfussball, Wikingerschach oder auch das Stromern durch die Wälder und Felder in der Umgebung. Wenn es das Wetter zulässt, geht es nach der Arbeit auch gern ins Freibad statt unter die Dusche.

Weitere Klassiker der Abendunterhaltung sind Traditionen wie das Preisquiz, Preisskat und für die Skatmuffel ein Spoon- oder Wikingerschach-Turnier.


N eben Skat und Würfeln gibt es auch andere gesellige Spiele, die auch gern an kalten oder regnerischen Abenden in Zuflucht des Küchenzelts gespielt werden. Seit einigen Jahren hat sich ein neues Spiel dazu gesellt, das sich seither großer Beliebtheit erfreut. "Spoon" ist nervenaufreibend und mitunter auch gefährlich. Viele gute Männer haben wir dabei schon an die gnadenlosen Löffel verloren. Seit 2021 ist Spoon im Lager auch zum Turnier und zum Preis-Spoon zugelassen.

H in und wieder gibt es auch besonderes Entertainment im Lager. Hier führt Vereinsmitglied Holger Schwerin mittelalterlichen Schwertkampf vor. Es wurden aber auch schon alte Waffen nachgebaut und Brot in einem Lehmofen gebacken. 

Die Vereinsmitglieder Thomas und Paul Janikulla führten andere Teilnehmer auch schon in das Bogenschiessen ein.



I st der Sommer mal wieder heiß braucht es Abkühlung. Wenn aber kein Freibad zur Hand ist,  muss Abhilfe her. Der Erfindungsreichtum der Lagerbewohner war bei solchen Problemen schon immer von großem Wert. In diesem Falle wurde beim Dorfbauern Siloplane gegen Bier eingetauscht, die Grube war dank Vorjahresgrabung ohnehin schon Vorhanden und musste nur durch Einstieg und Sitzmöglichkeiten erweitert werden.

V or Allem bei den Jüngeren ist der Archäologen-Fussball sehr beliebt. Die Regeln sind dabei schnell erklärt - es gibt keine. Zwei Fluchtstangen machen ein Tor, das war es dann aber auch schon. Kein Abseits, kein Ball-Aus und wer braucht schon Spielfeldgrenzen.

Besonders spektakulär sind die Spiele wenn sich die "Alten" doch noch einmal vom Feuer erheben und sich einmischen. Viele gute Schienenbeine gingen dabei schon verloren.



W em Archäologen-Fussball zu anstrengend und Spoon zu aufregend ist, der greift gern zu Wikingerschach und ähnlichen Geschicklichkeitsspielen. Aber selbst hier kam es schon zu ausschweifenden Gefechten und langen Wettkämpfen bis in die späten Abendstunden im Stadionlicht der Autoscheinwerfer.

A m Ende geht es dann zum Entspannen dann aber doch ans Lagerfeuer. Auch hier gibt es wieder viele verschiedene Möglichkeiten der Beschäftigung - vom Sternebeobachten mit dem Grabungsleiter Maximilian Mewes, über musikalische Beschallung sei es angemacht oder aus der Konserve, bis zum Erzählen der vielen vielen Geschichten, Erlebnisse und Abenteuer die sich in 50 Jahren Vereinsgeschichte angesammelt haben.

Eines ist dabei sicher - Im Grabungslager ist immer etwas los.